BACK TO BAMBI

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300 Jahre Karlsruhe

Geschichte denken – Geschichte ab-Bild-en

Prof. Enno-Ilka Uhde

Das Kunstprojekt „Karlsruhe 300 -- Back to Bambi“ zitiert in einer künstlerischen Bearbeitung Details der Stadtgeschichte im Kontext von Welt- und Kulturgeschichte, jedoch ohne jeglichen Anspruch der Vollständigkeit. Es ist im Kant’schen Sinne eine Annäherung und Form des Nach-Denkens in einer deduktiven Herangehensweise, in dem sozusagen die Kamera hochgezogen wird, um die Gesamtstruktur zu erkennen und in einem weiteren Schritt zu den Details zurückzukehren. Um das zu verdeutlichen, möchte ich das in einem Bild verdeutlichen: der Ameise ist es unmöglich, die Struktur eines Perserteppichs zu erkennen, über den sie gerade läuft. So ist es ein ebenso aussichtsloses Unterfangen, 300 Jahre Geschichte in einem Kunstwerk allumfassend darstellen zu wollen. Aus diesem Grunde war meine Herangehensweise an das Werk „Karlsruhe 300 – Back to Bambi“ ein Vorgang der Verdichtung von Ereignissen mit individuellem Fokus. Was wir erfahren können über die Vergangenheit, liest sich in Straßenbelag, Türschildern, Konstituierung eines Gemeinderats in einem Wirtshaus, der Anstellung eines Bettelvogts und Nachtwächters, in der Komposition einer 9. Symphonie von Beethoven, in Stolpersteinen, Gründung einer Mühle, Aufstellen von Laternen… Das Allgemeine verdichtet sich in Ereignissen, es wird übersetzt in Buchstaben, einer grammatikalischen Struktur und in Satzzeichen. Für den Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer leitet sich daraus für den Verstehensprozess unerlässliche „Hang zum zweifachen Lesen“ ab. Nur das wiederholte Lesen ermöglicht das Erkennen und Verstehen der Komplexität des Seins und des Wesens der Dinge. Dies kann am Beispiel eines Kriminalromans verdeutlicht werden, bei dem der Täter beim wiederholten Lesen schon im Verlauf der Handlung vom Leser identifiziert werden kann, auch wenn dies durch den Handlungsverlauf noch nicht offengelegt wurde.

Wir geben Geschichte wieder mittels Begriffen, die allerdings nicht die Geschichte an sich sind, sondern nur Ausdruck vergangener Geschehnisse und Fakten. Das geschichtliche Gesamte ist in seiner Fülle nicht darstellbar, sondern löst sich auf in Begriffe, Abbilder, Symbole, wie zum Beispiel Denkmäler, Gebäude, Gemälde etc.. Aber nur, wenn man eine Vorstellung vom Gesamten hat, kann man wiederum das Einzelne und das Detail erkennen: Man muss die Buchstaben und Werte kennen, um – im hermeneutischen Zirkelschluss – ein Buch lesen und verstehen zu können. Um Geschichte verstehen zu können, muss ein Wissen um Zusammenhänge vorhanden sein. Das Sein ist charakterisiert durch Hauptzustände mit definiertem Anfang und Ende und durch Nebenzustände. Jeder Nebenzustand birgt eine Vielfalt von Ereignissen, die wiederum gänzlich unerwartet zum Hauptzustand werden können. Martin Heidegger fasste das eindrücklich in einer Metapher zusammen: „Es ist der Blitz, der alles steuert“. Die Vielfalt der Ereignisse ist im Detail nicht erkennbar und daher auch nicht repräsentierbar, aber es sind wiederum Details, die uns Geschichte greifbar nahe bringen.

Die Darstellung der politischen und kulturgeschichtlichen Ereignisse in meinem Werk „Karlsruhe 300 – Back to Bambi“ verstehen sich als geschichtliche Zitate und „Ereignisblitze“, deren Auswahl in einer scheinbaren Beliebigkeit getroffen wurden. Manch ein relevantes geschichtliches oder kultur- und gesellschaftspolitisches Ereignis mag aus Sicht der aufmerksamen Betrachter unerwähnt sein und der Vorwurf angeführt werden, dass der Individualgeschichte an mancher Stelle Vorrang gegeben worden sei. Es besteht meinerseits keinerlei Anspruch auf historische Vollständigkeit, sondern der Reiz des Werkes besteht vielmehr in der künstlerischen Verdichtung durch die Verbindung von individuellem Andenken und kollektivem Gedächtnis, zwischen individueller und geschichtlicher Erinnerung. So kann zum Beispiel das Karlsruher Wirtshaus „ Zum Waldhorn“ zum Bedeutungsträger werden für die Entstehung einer demokratischen Struktur in einer Stadt und ein gemaltes goldenes Quadrat als Symbol eines Stolpersteins zum Mahnmal der dunklen Zeiten der Tyrannei in der deutschen Geschichte.

Die Entwürfe

Das Atelier

Ein großes Dankeschön an die Fränkle Unternehmensgruppe in Bruchsal für die Zurverfügungstellung der Räumlichkeiten für das Atelier.